Lustlos oder asexuell? Wo der Unterschied liegt

Kein Verlangen nach Sex: Der Psychologe Robert Coordes erklärt, woran man Asexualität erkennt und wie Beziehungen trotzdem gelingen können.

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Sexualität ist ein häufig diskutiertes Thema in verschiedenen Lebensbereichen wie TV-Serien, Partys oder Gesprächen mit Freunden. Wer sich dabei nie angesprochen fühlt, fragt sich möglicherweise: Bin ich anders?

Es gibt tatsächlich Menschen, die sich nie sexuell zu anderen hingezogen fühlen, und für die das völlig in Ordnung ist. Diese Orientierung wird als Asexualität bezeichnet.

Oft ist unklar, ob es sich um eine dauerhafte sexuelle Orientierung oder nur um eine vorübergehende Phase handelt. Der Psychologe Robert Coordes erläutert im Interview, wie man Asexualität erkennen kann und warum sie kein Problem darstellen muss.

Woran kann man Asexualität erkennen?

Robert Coordes erklärt, dass das Präfix «a-» aus dem Griechischen stammt und «kein» oder «ohne» bedeutet. Asexualität zeichnet sich dadurch aus, dass man keine sexuelle Lust verspürt und keine sexuellen Fantasien hat.

Asexualität ist keine Störung, sondern wird als sexuelle Orientierung angesehen. Wichtig ist, dass dies kein Problem darstellt, solange die Person keinen Leidensdruck empfindet.

Der Unterschied zur vorübergehenden Lustlosigkeit liegt in der Beständigkeit. Stress, Beziehungskrisen oder gesundheitliche Probleme können temporär das sexuelle Verlangen mindern, was normal ist.

Asexuelle Menschen empfinden dauerhaft keine oder nur geringe sexuelle Anziehung. Diese Abwesenheit sexueller Anziehung bleibt oft über Jahre hinweg bestehen, unabhängig von äußeren Umständen.

Asexuell zu sein bedeutet nicht, dass man keine Nähe wünscht. Viele asexuelle Menschen führen liebevolle, romantische Beziehungen.

Viele Menschen erkennen erst spät, dass sie asexuell sind, oft nach langer Anpassung oder dem Versuch, anders zu sein.

In meiner Praxis ermutige ich dazu, sich nicht vorschnell zu labeln, sondern sich Zeit zu geben: Wie lange besteht der Zustand? Gab es Phasen mit sexueller Anziehung? Ist Sexualität neutral, unangenehm oder einfach nicht präsent?

Ist Asexualität immer eine sexuelle Orientierung?

Coordes beschreibt Asexualität als eine sexuelle Orientierung, bei der Menschen keine oder nur geringe sexuelle Anziehung empfinden. Es ist keine Krankheit oder ein Defizit, vor allem nicht, wenn die Person nicht darunter leidet.

Es gibt Lebensphasen, in denen sexuelles Interesse ausbleibt, etwa durch Depressionen oder Traumata. Dann spricht man eher von sekundärer Lustlosigkeit, nicht von Asexualität.

Der entscheidende Unterschied ist der Leidensdruck bei psychischen Belastungen. Asexuelle Menschen empfinden sich meist als stimmig, wenn sie ihre Identität verstehen – der Druck entsteht oft durch äußere Erwartungen.

In der Praxis wird genau hingeschaut: Ist das Fehlen sexueller Anziehung ein stimmiger Ausdruck des eigenen Erlebens oder ein Rückzug aufgrund von Überforderung, Angst oder Schmerz? Selbstreflexion ist wichtig, idealerweise in einem geschützten Rahmen, frei von Scham und mit Geduld.

Umgang mit Asexualität in Beziehungen

Coordes betont, dass Asexualität nicht Beziehungsunfähigkeit bedeutet. Viele asexuelle Menschen führen liebevolle, stabile Partnerschaften. Wenn beide Partner asexuell sind, ist das meist unproblematisch.

Die Herausforderung besteht darin, die Bedürfnisse innerhalb der Beziehung offen zu verhandeln, besonders wenn ein Partner sexuelle Nähe wünscht und der andere nicht.

Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern um Kompatibilität und gegenseitiges Verständnis. Beide Seiten sollten ihre Bedürfnisse ohne Schuld, Druck oder Scham benennen dürfen. Kreative Lösungen können gefunden werden, wie alternative Formen von Intimität oder vereinbarte sexuelle Aktivitäten.

Grundsätzlich muss eine Beziehung nicht scheitern, wenn die sexuelle Anziehung unterschiedlich ist. Sie erfordert jedoch bewusste Kommunikation, emotionale Offenheit und einen ehrlichen Blick auf die Bedürfnisse beider Partner.